Ihr Memmen!

Männerfußball ist qualitativ hochwertiger als Frauenfußball? Pah. Hüfthohe Blutgrätschen gibt es in allen Ligen. Der Unterschied liegt darin, wer die Zähne eher zusammenbeißt.

Goethe hätte das Drama nicht besser schreiben können, das sich an einem sonst ruhigen Nachmittag am 2. Juli 2018 im russischen Samara ereignete. Ein junger Mann, damals zarte 26 Jahre alt, krümmte und wand sich auf dem Boden. Er schrie, er drehte sich mehrmals. Alle Blicke, alle Scheinwerfer richteten sich auf ihn. Gerade noch so erkannte man Grundzüge des schmerzverzerrten Gesichts, das sich vor überquellender Dramaturgie im Boden vergrub. Hätte es den jungen Werther gegeben, er hätte seinen Hut vor dem 26-Jährigen und seinem offenbar seelenfressenden Leid gezogen.

Nur leider war es keine Theateraufführung, die vor zwei Jahren in Samara stattfand. Die Bühne war eigentlich das russische Kosmos-Fußballstadion, der überaus talentierte Akteur war niemand Geringeres als der brasilianische Fußballstar Neymar. Ein Drama war es trotzdem.

Neymars beispiellose Schwalbe war gleichzeitig die Geburtsstunde zahlreicher Qualitätsmemes.

So, wie der 26-jährige Schauspieler, äh, Kicker ein vermeintliches Foul inszenierte, hätte man meinen können, der arme Kerl sei für den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt und könne nie wieder einen Ball am Fuß führen. Eine Viertelstunde später legte er das Siegestor zum 2:0 vor, die brasilianische Seleção triumphierte im Achtelfinale über Mexiko.

Frauenfußball ist nicht unfehlbar, ganz im Gegenteil. Frauenfußball ist teuflisch.

Zum Thema Fairplay

Fouls im Fußball sind unvermeidlich und tatsächlich öfter ein Versehen, als der biertrinkende Laientrainer in seiner Stammkneipe vermutet. Sie passieren, ja – sie müssen und dürfen aber nicht in vorgespieltem Leid enden.

Seit neun Jahren schnüre ich selbst mindestens dreimal die Woche meine Kickschuhe. In all der Zeit habe ich Dutzende, wenn nicht Hunderte Ellenbogen im Rücken gehabt, Schienbeinschoner wurden zertreten, an meinem Trikot wurde gerissen und Fäuste landeten in meinem Gesicht. Kein einziges Mal blieb ich länger liegen, als ich für das anschließende Aufstehen gebraucht habe.

Das ist zumindest in der femininen Kreisliga – so habe ich es in knapp einem Jahrzehnt erlebt – die Norm. Ohne große Showeinlagen wurden Platzwunden getackert, angebrochene Finger mit Tape versehen, das Spiel ging weiter. Das mag gesundheitlich gesehen fraglich sein, genießt aber nach wie vor irgendwie eine Selbstverständlichkeit.

Bärtige Babys auf dem Rasen

Bevor der schwer getroffene Kreisligaspieler jetzt wütend in die Tasten haut: Natürlich ist Frauenfußball nicht unfehlbar, ganz im Gegenteil. Bei uns läuft auch einiges schief. Manche schminken sich nochmal extra in der Halbzeit, dass der Freund auch ja noch weiß, welche Spielerin zu ihm gehört. Man zickt sich gegenseitig so schlimm an, dass nach Abpfiff ganz Instagram durchforstet wird, um die Posts der blonden Abwehrspielerin im WhatsApp-Chat der Mannschaft auseinandernehmen zu können. Frauenfußball ist nicht unfehlbar, es ist teuflisch.

Ja, auch Frauen können austeilen.

Dennoch kann ich unsere männlichen Kollegen nicht immer in Schutz nehmen. Das Bild, das sich mir manchmal auf heimischem Kunstrasen bietet, wenn ich der ersten Männermannschaft bei ihrem Lokalderby zuschaue, irritiert mich. Ich komme mir sehr oft nicht mehr vor, als würde ich ein dynamisches und umkämpftes Kreisligaspiel erleben.

Ich komme mir teils eher vor, als wäre ich nochmal bei meinem FSJ im Kindergarten und schaute bärtigen Babys dabei zu, wie sie wimmernd um Aufmerksamkeit und Zuspruch kämpfen. Die Schwalbenthematik ist zwar primär ein Problem des Profisports, überwiegt aber aus meiner unverschämten Sicht eher bei der männlichen Fußballsparte.

Und so mancher Jugendtrainer bringt seinen Kids heutzutage ja sogar schon bei, wann eine taktische Schwalbe am meisten Sinn macht und wie man die überzeugend ausführt. Ich selber trainiere einige D-Mädchen. Denen lebe ich seit jeher vor, dass Schwalben nur Vögel sind und auf dem Rasen nichts verloren haben.

Bleib liegen, wenn es weh tut

Ja, es gibt immer schwarze Schafe. Ja, das Problem liegt zum größten Teil im Profisport. Ja, manchmal tut es auch wirklich weh, wenn man gefoult wird. Da kann man dann mal getrost liegen bleiben. Aber theatralische Inszenierungen, wie beispielsweise Neymar sie immer wieder präsentiert, schaden der Sportart mehr, als diesen Fußballern bewusst ist.

Und vielleicht erlitt der 26-jährige Brasilianer damals in Russland bei seinem Sturz ja auch wirklich ein paar Schmerzen. Die Show, die er daraufhin abgezogen hat, steht trotzdem in keiner Relation zum vermeintlichen Foul seines Gegenspielers.

Derweil ist das Image des professionellen Frauenfußballs ohnehin schon sehr verzerrt und wird in der allgemeinen Wahrnehmung lediglich stark belächelt. Dass es bei den Damen aber größtenteils ehrlicher, genauso spannend und teils auch verbissener zugeht, wissen die meisten nicht. Stattdessen verharrt ein Großteil der Zuschauer in der Ansicht, Frauen sprängen in Ballettschuhen über den Rasenplatz und fielen beim nächsten Windstoß um. Oft kommt es mir so vor, als würde diese Beschreibung viel besser zu den Männern in der Bundesliga passen.

Es gibt guten Fußball, keine Frage. Es gibt aber auch guten Fußball ohne Theatralik.

Leser dieses Textes, die meiner Generation zuzuordnen sind, würden mich jetzt wahrscheinlich als butthurt abstempeln. Ich muss euch enttäuschen – derartige Meinungen werden mich nicht davon abhalten, weiterhin vergnügt als Mittelfeldjoker über die Rasenplätze der Ligakonkurrenten zu schweben.

Ein persönliches Problem habe ich nämlich nur dann, wenn der biertrinkende Laientrainer in seiner Stammkneipe etwas von Gurkenfußball faselt, wenn er gefragt wird, ob er die Weltmeisterschaft der Damen nachverfolgt hat. Tja, lieber Kneipengeselle, die männliche Bundesliga ist heutzutage auch nur noch ein Anagramm für Drama, wenn du genau hinsehen würdest.

Aber, aber. Es gibt ja nach wie vor guten Fußball in allen Klassen, keine Frage. Es gibt aber auch guten Fußball ohne Theatralik, ohne überzogene Schwalben. Und es gibt guten Frauenfußball, den man, wie beispielweise auch den Handball, zu oft unter den Tisch kehrt, weil die überhypte Männersparte des Fußballs alles andere restlos verschlingt. Aber das ist eine andere Baustelle.

Comments (4):

  1. Moritz

    Januar 15, 2020 at 4:12 pm

    Guter Aufsatz, mit einem durchaus sehr berechtigten Thema. Mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn es bei dem allgemeinen Thema Schwalben im Fussball (von mir aus auch nur im Männerfussball) geblieben wäre. Ich denek die Schwalben Thematik dehnt sich mehr auf den Profibereich aus (auch bei den Frauen). Der männliche Kreisliga-Fussball wird mir hier zu einfach über einen Kamm geschert.
    Trotzdem ein gut geschriebener Aufsatz, gerne mehr.
    LG Moritz

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    • JulisTierwelt1211

      Januar 15, 2020 at 7:59 pm

      Bruh

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    • Felix

      Januar 15, 2020 at 11:04 pm

      Absolut richtig. Ich bin Schiedsrichter im Herrenfussball in der Kreisliga C und muss sagen, dass Schwalben zumindest in dieser Klasse relativ selten vorkommen. Vor allem das theatralische auf dem Boden wälzten und Gesicht verziehen, was man leider aus der Champions League gewohnt ist, habe ich quasi noch nie erlebt. Bzw. nicht so das der Spieler danach noch weiter spielt. Beim Frauenfußball hingegen ist es von meiner Erfahrung her so, dass die Spielerinnen generell deutlich weniger Foulspiele begehen und (zumindest ich) musste noch nie eine Schwalbe pfeifen.
      Beim Profisport wie der Bundesliga oder Champions League sollte man sich absolut über Schwalben beschweren, aber im Amateurbereich sind sie eine absolute Ausnahme und das ist auch gut so! 🙂

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