Stille Post

Wer auf Reisen geht, kann auch Postkarten in die Heimat schicken. Warum nur tut es kaum noch jemand? Und wieso schreiben alle dasselbe? Über eine aussterbende Handwerkskunst.

Als ich die letzte Unterrichtsstunde bei meiner Deutschlehrerin in der zwölften Klasse hatte, verteilte sie an jeden von uns eine Postkarte. Irgendwie hat mich das damals verwirrt. Eine Postkarte? Bekommen wir keine individuellen Abschiedsbriefchen? Machen wir kein Erinnerungsfoto mit dem Kurs?

Die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten. „Ich weiß, dass es viele von euch nach dem Abitur in die weite Welt ziehen wird“, sagte sie uns. Ich musste schmunzeln. Ja, dachte ich, ich will hier raus, aber dafür muss ich das Abitur auch erst einmal bestehen.

Meine Lehrerin grinste in die Runde. „Vielleicht denkt ihr dann mal an mich und schickt mir diese Postkarte“, fügte sie an. Ihre Adresse hinterließ sie an der Tafel. Einige Umarmungen später war die letzte Unterrichtsstunde meines Lieblingsfachs bei meiner Lieblingslehrerin vorüber. Was mir davon blieb, waren quasi unbenutzte Reclam-Lektüren, ein Ordner mit unvollständigen Aufschrieben und eine Postkarte.

Danach kamen die Prüfungen, die Angst und am Ende die Gewissheit, tatsächlich bestanden zu haben. Nun stand ich also da. Volljährig, Schulabgänger. In der einen Hand das Abitur, in der anderen eine Postkarte.

Dieses kleine Stück Papier faszinierte mich. Warum nur hatte ich täglich diesen Drang, jetzt sofort etwas draufzuschreiben und es loszuschicken? Ich sah auf einmal in jeder Kleinigkeit etwas Poetisches, etwas Erzählenswertes. Diese Postkarte inspirierte mich mehr, als ich mir eingestehen wollte.

Irgendwann kam die Erkenntnis. Ich musste raus. Raus in die Welt.

Nach dem Abitur war ich viel unterwegs. Es zog mich nach Dublin, Galway, Inishmore, Wien, Prag, Hamburg, Köln und Dresden. Mit dabei waren immer meine Kamera und mein Kuscheltier Trudi. Noch wichtiger war aber ein Kugelschreiber. Wenn ich gepackt habe, habe ich immer zur Sicherheit zwei mitgenommen.

Oma hat mir 2007 Trudi geschenkt. Seither bekommt sie immer ein Portrait, wenn wir auf Reisen sind.

In Zügen, mit I Still Haven’t Found What I’m Looking For von U2 im Ohr und stereotypischem Blick in die Ferne, habe ich mir dann meist Listen erstellt. Namen, Adressen und erste Ansätze, was ich dem Empfänger der Postkarte sagen möchte. Es war mir immer wichtig, dass jede Person einen anderen, individuellen Gedanken von mir liest.

Wenn ich heute manchmal noch Postkarten von meinen Freunden und Verwandten bekomme, rege ich mich fast immer über die wenigen Worte auf, die gefühlt eine halbe Stunde vor der Rückfahrt in die Heimat im Packstress draufgekritzelt wurden. Ach was, das Wetter an der spanischen Küste im Hochsommer war warm? Ich muss unbedingt auch mal dorthin? Ihr vermisst mich? Cool. Den anderen fünf Leuten, die auch eine Karte bekommen haben, habt ihr bestimmt nicht dasselbe geschrieben.

Fließbandkarten braucht keiner

Ich würde gerne honorieren, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die das Versenden einer Postkarte wertschätzen können. In Zeiten von Social Media, wirklich guten Kameras in Smartphones und einem Winfried Kretschmann, der den Rechtschreibunterricht nicht mehr so wichtig findet, weil man ja auch immer weniger mit der Hand schreibt, ist die Postkarte zum Aussterben verdammt.

Ich würde aber auch nicht wollen, dass sich Menschen jetzt dazu zwingen, eine Postkarte in die Heimat zu schicken. Ja, so ein kleines Stück Papier mit einem schönen Fotomotiv kann unscheinbar wirken. Aber es will nicht nur verschickt werden, nein. Eine Postkarte will erzählen.

Ich suche mir in kleinen Souvenirläden immer die größten Karten aus und dennoch habe ich so gut wie nie genügend Platz. Die Texte schreibe ich dann digital vor, damit mir keine Fehler unterlaufen und damit ich kein Wort vergesse. Was letztendlich auf der Karte landet, ist meist eine Mischung aus Vorlage und Spontanimpuls. Aber garantiert immer ein durchdachtes Unikat für den Empfänger.

Ich weiß gar nicht mehr genau, von wo ich meiner Deutschlehrerin ihre Karte geschickt habe. Es könnte Marrakesch gewesen sein, vielleicht auch Ouarzazate. Nun, immerhin weiß ich noch sicher, dass sie mir schrieb, wie glücklich sie darüber ist und dass die Karte jetzt über ihrem Schreibtisch hängt. Eine Karte von mir? Über ihrem Schreibtisch? Wahnsinn, dachte ich.

Das kleine, unscheinbare Stück Papier hat ein bisschen von der Welt gesehen, seine eigene Geschichte zurück in die Heimat getragen und jemanden glücklich gemacht. Wem das all die Mühe nicht wert ist, der schickt wohl doch lieber übersättigte Sonnenuntergangsbilder in die Familiengruppe auf Facebook.

Comments (4):

  1. Jan

    Februar 1, 2020 at 8:21 am

    Also zunächst einmal, ich habe tatsächlich schon ewig keine Postkaste mehr geschrieben. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich schon länger nicht mehr im urlaub war. Aber bekommen habe ich noch einige und die meisten davon sind entweder von guten Freunden oder famile. Und ich kann sagen, dass jede davon ein für mich angefertigte Unikat ist, mit einem an mich persönlich gerichteten Text. Solche fließbandpostkarten bekomme ich zumeist eher an meinem Geburtstag, Konfirmation oder Weihnachten.
    „Wie geht’s dir, was macht die Uni, kocht du denn auch selbst was?“, sind dann die Standard Fragen, die ich 10 mal beantworten muss.

    Schon als Kind bin ich sehr oft vereist. Mal mit meinem Vater, meiner steifmutter und meinem Halbbruder und mal mit meiner Mutter.
    Erstere haben sich nie viel aus Postkasten gemacht, doch meine Mutter hat mich immer dazu gedrängt an die nächsten Verwandten eine zu schreiben, wenn wir im Urlaub waren. Aus meiner Kindlichen Schreibfaulheit, dem Unmut dazu gezwungen zu werden und fehlendem einfallsreichtum, entsprangen dementsprechend solche „Fließbandkarten“ In allen steht das gleiche, schön groß, damit die Karte voll aussieht aber in Wirklichkeit nur 4 kurze Sätze über das Wetter, den Strand, die Wohnung und das Essen.
    Bis dahin fand ich Postkasten öde, langweilig und unnötig.
    Dich irgendwann machte es klick in meinem Kopf. Ich weiß nicht mehr warum oder wie aber ich habe angefangen mehr und mehr auf diese kleinen Karten zu schreiben, ich würde immer kleiner und kleiner in meiner Schrift, weil mir immer mehr und mehr eingefallen ist, was erzählt werden wollte. In Zeiten von social media mag das vielleicht unnötig erscheinen, warum eine Information auf Papier verschicken, das unter Umständen mehrere Wochen braucht, um anzukommen, wenn man doch direkt Fotos und Gedanken über social media teilen kann.
    Doch ich habe einen guten Grund dafür. Eine Postkarte ist eine persönliche Erinnerung von und an jemand anderen. Ein whatsapp verlauf verschwindet spätestens nach dem nächsten Handy kauf oder der nächsten Löschung der Daten, eine Postkarte bleibt so lange man sie aufbewahrt. Ich habe inzwischen zwei magbetbänder an meiner Wand und dort habe ich alle möglichen Karten und Erinnerungen mit Magneten dran geklebt. Schon von der Bildseite her weiß ich, wer mir welche Karte geschickt hat, zu welchem Anlass und jedes Mal wenn ich dahin gucke, muss ich lächeln und freue mich darüber, dass ich so tolle Freunde und famile habe, die mir so schöne Erinnerungen von sich teilen und an mich denken.

    Wenn ich Postkasten schreibe mache ich mir übrigens keine Vorlage, alles passiert ganz spontan und Fehler passieren, gehören halt dazu. Das finde ich nicht schlimm, vielmehr fügt das noch eine persönliche Note der Postkarte hinzu, macht sie zu einem viel einzigartigeren Unikat und sorgt für den ein oder anderen achmunzler 🙂

    So, das war jetzt ein bisschen durcheinander aber es ist noch viel zu früh um was vernünftiges zu schreiben. Aber ein sehr schöner Text und das mit der Lehrerin und der Postkarte hat mich fasziniert! Ich denke, ich werde das als Lehrer auch so handhaben und mal sehen, wer mir alles eine Karte zurück schreibt ^^

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  2. Café la Gare

    Februar 10, 2020 at 1:53 pm

    Wir haben in unserem Café einen Stammgast, der die Kunst des Kartenschreibens perfektioniert hat. Und, man glaubt es kaum, es kommen jede Menge zurück.
    Der wäre sicher einen Artikel wert und ich könnte mir vorstellen, dass er mitmacht.
    einfach mal Rückmelden, wenn Interesse besteht.

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  3. Katja

    März 2, 2020 at 8:45 pm

    … es war Marrakesch, und, liebe Lea, zu meiner überaus großen Freude ist es ja nicht bei dieser einen Postkarte geblieben!
    Gute Postkarten sind für mich „Geschichtenerzähler“ von einem mir lieben Menschen ausgesucht, beschrieben und versendet – ein kleiner Einblick in das Leben der anderen, überraschend, echt und lebendig.
    Schön, dass du mich ab und an daran teilhaben lässt … und an der Wand über meinem Schreibtisch, da ist auch noch ein bisschen Platz :)!

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