Wir, die Landkartoffeln

Kaum ein Bus fährt, Internet ist noch Zukunftsmusik und der Dorfklatsch ist brutal. Trotzdem liegt mir meine kleine Heimat am Herzen. Eine Liebeserklärung.

„Da wohnen, wo andere Urlaub machen“, sagt meine Mutter oft, wenn wir samstagmorgens vom Einkaufen nach Hause fahren und man von weitem unser Heimatdorf zwischen viel Grün und Blau erkennt. Jedes Mal reagiere ich mit demselben empörten Schweigen darauf. Urlaub? Dort?

Mama, bei aller Liebe, aber in diesem Funkloch, wo an schulfreien Tagen kaum noch ein Bus verkehrt und der letzte Kaugummiautomat seit Jahren nicht mehr aufgefüllt wurde, würde doch kein Mensch Urlaub machen. Nicht mal meine eigenen Freunde kommen hierher und wenn doch, dann beschweren sie sich darüber, dass Google Maps nicht mehr funktioniert und sie nie wieder nach Hause finden.

Kann ich es ihnen verübeln? Nein. Ich verweise in solchen Fällen dann liebend gerne auf unseren Dorfbrunnen, bei dem vor einiger Zeit ein erstaunlich langsamer Hotspot eingerichtet wurde. Für welche Zielgruppe der gedacht ist, erschließt sich mir bis heute nicht, aber es gibt ihn.

Wer unbeschwert in einem senfgelben Polohemd seine Geranien abends gießen möchte, kann sich eigentlich direkt eine neue Identität anlegen und auswandern.

ZUM THEMA GERÜCHTEKÜCHE

Jetzt könnte man argumentieren, auf dem Land sei es aber doch so ruhig. Menschen, die sowas sagen, waren ganz eindeutig noch nie auf richtigem Land. Dorfklatsch ist hier so brutal, dass man unter Umständen als Betroffener beim Abendspaziergang von anderen Dorfmenschen nicht mehr gegrüßt wird.

Die Gerüchteküche brodelt nun mal ununterbrochen. Wer nur kurz ganz unbeschwert in einem senfgelben Polohemd seine Geranien abends gießen möchte, kann sich eigentlich direkt eine neue Identität anlegen und auswandern. Denn das Dorf vergisst nicht. Das schließt auch und sogar insbesondere modische Fehlgriffe mit ein.

Stadt, Land, Flucht

In den Medien liest man derzeit oft das Wort Landflucht. Wirft man diesen Begriff in die Suchleiste von Google, erhält man folgende Definition: „Abwanderung eines großen Teils der Landbevölkerung, besonders bäuerlicher Herkunft, aus den ländlichen Gebieten in die Städte wegen der meist besseren Arbeits- und Lebensbedingungen.“

Entschuldige! Wo gibt es in größeren Städten denn bitte bessere Lebensbedingungen? Reinere Luft als auf dem Land bekommt man beispielsweise nirgends. Ganz besonders dann, wenn auf den Feldern nebenan Gülle gefahren wurde und man beim Verlassen des Hauses danach schnuppert, weil man den Duft seit Kindheitstagen kennt.

Auf dem Land ist ja aber auch nicht alles perfekt, im Gegenteil. Meinen Kaugummiautomaten werde ich wohl nicht mehr zurückbekommen und unser Sportplatz bleibt bestimmt auch auf ewig der trostlose Acker, der er schon heute ist. Aber für kein Geld der Welt würde ich mir freiwillig den tagtäglichen Stress einer überlaufenen Innenstadt antun. Und der ganze Feinstaub? Hilfe. Mir reicht mein eigenes Zimmer schon.

Zugegeben, den Luxus einer guten Stadtbahn, die einen auch nach Mitternacht noch vom Absturz in der Disco sicher nach Hause bringt, hätte ich schon ganz gerne. Der nächste Starbucks ist leider auch über eine Stunde entfernt und damit fällt dann halt die Möglichkeit weg, Instagram-Storys mit dem Logo des Kaffeegiganten zu machen. Aber so sei es.

Der Begriff Landkartoffel wurde übrigens von einem meiner Jahrgänger geprägt. Es war ein eigentlich geselliger Abend, jeder hat ein bisschen aus seinem Leben erzählt. Dann, urplötzlich und unerwartet, fällt einfach so die Landkartoffel in’s Gespräch. Gemeint waren damit wir, eben die vom Land. Mein Jahrgänger studiert seit einem Jahr Psychologie in Konstanz und ich glaube mittlerweile, er wurde ungewollt von der Stadt konvertiert.

Eine Landkartoffel zu sein schmeichelte mir am Ende aber doch mehr, als ich es in meiner anfänglichen Empörung erahnen konnte. Selbstbewusst konterte ich, dass ich mich noch ausführlich darüber auslassen werde. Take that, konvertierter Jahrgänger! Auch wenn du das hier wegen deiner urbanen Hektik niemals lesen wirst.

Adieu, Kaugummiautomat

Ich glaube, wer entweder in einer Stadt oder auf dem Land aufwächst, wird niemals so richtig im jeweils anderen Gebiet zurechtkommen. Es mag Ausnahmen geben, ja, aber so ein Stückchen Heimat wird man dann doch nie los. Beide Seiten sind Himmel und Hölle zugleich, beide Seiten haben aber auch einen unverwechselbaren Charme.

Mit meinem Bekenntnis zur Landliebe muss ich zwar auch meinen Kaugummiautomaten emotional endgültig loslassen. Eine Kartoffel würde auf innerstädtischem Asphalt aber ja auch nicht gedeihen.

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