Was bleibt

Die deutschen Nationalspielerinnen haben die EM nicht gewonnen. Aber dafür etwas viel Wichtigeres: Anerkennung. Ein persönlicher Kommentar.

Am Ende hat es nicht gereicht. Die Jubelschreie und das Glitzerkonfetti galten den Gegnerinnen, die Tränen schmeckten salzig statt bittersüß. Enttäuschung statt EM-Titel, Trauer statt Turniersieg. Dabei hatte die deutsche Mannschaft gewonnen, bevor das Spiel überhaupt angepfiffen wurde.

Deshalb war es auch egal, wie das Finale ausgehen würde. Die Nationalspielerinnen haben erreicht, wofür sie jahrelang kämpfen mussten: Man nimmt sie endlich ernst.

Was Alex Popp, Lina Magull und Co. in den englischen Stadien spielten, glich ein ums andere Mal einem Fest. Die Deutschen saßen vor ihren Fernsehern und fragten sich: „Seit wann spielen unsere Frauen denn so gut?“

Diese Frauen haben einen Hype ausgelöst, wie ihn Deutschland zuletzt beim WM-Sieg der Männer im Jahr 2014 erlebt hat. Vielleicht nicht in derselben Dimension, aber mit derselben Emotion: Die Deutschen feuerten an und fieberten mit – vor allem aber sprachen sie darüber.

Es klingt trivial, doch diese Europameisterschaft hat bewiesen, wie wichtig Diskurs ist. Mir trieb es jedes Mal Tränen in die Augen, wenn jemand sagte: „Heute Abend spielen wieder unsere Frauen! Schaust du’s auch an?“

Ich sehe was, was du nicht siehst

Einmal, es dürfte ein trüber Sonntag gewesen sein, haben meine Mannschaft und ich auf heimischem Kunstrasen gespielt. Es war eine gute Partie, die drei Punkte landeten auf unserem Konto. Gesehen hat das aber niemand.

Nach Abpfiff trudelten dann nach und nach Menschen ein. Nicht etwa für uns, sondern für die Männermannschaft, die eine Stunde später spielte. Das tat weh.

Es tat weh, nicht gesehen zu werden. Es tat weh, im Regen zu stehen, alles zu geben, zu beißen, zu kämpfen und zu siegen – wohl wissend, dass es niemals genug sein wird, um von der Gesellschaft wenigstens eine Chance auf Sichtbarkeit zu bekommen.

Und dann fand auf einmal die Europameisterschaft in England statt.

Die wollen nur spielen

Auf einmal redeten die Menschen von Svenja Huth und Merle Frohms. Die Medien lobten die deutsche Teamleistung in den Himmel, sie kündigten Spielzeiten und Übertragungsorte an. Es ging nicht mehr darum, wer die Spiele überhaupt anschaut, sondern darum, wer sie nicht anschaut.

Die Gesellschaft hat erkannt: Frauenfußball ist Fußball. Genau so, wie Männerfußball es ist. Oder wie Giulia Gwinn in einem Interview mit dem SWR sagte: „Eine 100-Meter-Sprinterin wird doch auch nicht ständig mit einem 100-Meter-Sprinter verglichen.“

Jetzt stand da ein Team auf dem Platz, so geschlossen und so leidenschaftlich, wie es Deutschland schon lange nicht mehr gesehen und erlebt hatte.

Es sind die Nebenschauplätze, die dem Frauenfußball ein falsches Image verpasst haben. Natürlich brauchen wir gerechte Gehälter, natürlich müssen wir etwas gegen Sexismus unternehmen. Aber solche Schlagzeilen haben irgendwann das Wichtigste untergraben: das Spiel an sich.

Lange Zeit hieß es: „Die Frauen sollen erstmal kicken lernen, bevor sie solche Forderungen stellen.“ Bis die deutschen Nationalspielerinnen auf einmal Dänemark mit einem 4:0 vom Platz fegten. Wohlgemerkt nicht durch Bummeltore, sondern durch Kracherkopfbälle und Spitzenspielzüge. Hoppla.

Das Sommermärchen feierte sein Comeback – bei einer Europameisterschaft der Frauen. Kaum vorstellbar und doch real.

Jetzt stand da also ein Team auf dem Platz, so geschlossen und so leidenschaftlich, wie es Deutschland schon lange nicht mehr gesehen und erlebt hatte. Spielerinnen, die sich gegenseitig alles gönnen, die für- und miteinander kämpfen, die für diesen Sport brennen, die in der Kabine auch mal zu Cotton Eye Joe tanzen. Kaum mehr ein Team, eher Familie.

Viel mehr hat es nicht gebraucht, um zu zeigen: Uns gibt es übrigens auch.

Came with nothing, left with everything

Und so zauberten sich die DFB-Frauen bis ins Finale, mit immer größer und lauter werdendem Publikum daheim in Deutschland. Acht Jahre lang schoss den Deutschen der Puls nicht mehr derart in die Höhe wie am 31. Juli im englischen Wembley-Stadion.

Der Pokal blieb zwar dort, doch darum ging es am Ende nicht mehr. Am Ende ging es um das Feuer, das diese Spielerinnen im ganzen Land entfacht haben. Am Ende ging es um das, was bleibt.

Und das ist so viel mehr wert als der Pokal. Es bleibt die Begeisterung für den Fußball, den diese Frauen spielen. Begeisterung dafür, wie bodenständig sie trotz allem Erfolg geblieben sind, wie sie im Nationaltrikot demütig die Hymne gesungen und dann gespielt haben, als ginge es um ihr Leben.

Sie waren und sind Vorbild für Spielerinnen wie mich, die im Kleinen um Sichtbarkeit, Respekt und Anerkennung kämpfen. Ich habe mit diesem Team gelitten, gejubelt und geweint.

Mein Herz steht seither wieder in Flammen. Wie damals im Frühling 2011, als ich zum allerersten Mal in Stollenschuhen auf einem Rasen stand und mich vor Stolz kaum aufrechthalten konnte.

Ich will wieder, ich habe wieder Hoffnung. Nach all den Rückschlägen, nach all den blöden Sprüchen und jenem verregneten Sonntag, an dem ich ans Aufhören dachte.

Danke, liebe Nationalspielerinnen.

Ihr habt alles gewonnen, was es zu gewinnen gab.

Comments (2):

  1. Mara

    August 1, 2022 at 9:33 pm

    Wohl wahr! Gute worte.

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  2. Klaus

    August 2, 2022 at 12:31 pm

    Lea, treffender hättest Du es nicht mehr sagen können. Viel Erfolg in der Bezirksliga, ich werde dann auch mal vorbeischauen.

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