Zu schön um wahr zu sein

Cyberpunk 2077 ist wie ein Unfall. Man will wegschauen, kann aber nicht. Dabei hätte das Spiel Game of The Year werden können – und müssen. Was war los?

Das perfekte Videospiel gibt es nicht. Aber immer mal wieder gibt es Kandidaten, die gefährlich nah rankommen. Man erinnere sich an The Legend of Zelda: Ocarina of Time, Grand Theft Auto IV oder Sonic Boom.

Spaß beiseite. Fürs Erste, zumindest.

Jahr um Jahr kämpfen Entwickler um den begehrten Titel Game of The Year für ihre teils millionenschweren Projekte. Manchmal kommt es vor, dass ein hundertköpfiges Team fast ein Jahrzehnt an einem Videospiel werkelt. Das garantiert am Ende zwar nicht, dass etwas Bahnbrechendes dabei rauskommt – aber oftmals ist eine lange Entwicklungszeit ein Indikator für Qualität. Cyberpunk 2077 war ein solches Projekt.

Die Idee dahinter: eine Science-Fiction-Welt im Jahr 2077, in der menschliche Gehirne mit einer Festplatte ausgestattet sind, quasi wie Computer. Körper gleichen Maschinen, deren Einzelteile von Ripperdocs ausgetauscht werden können. Du willst schneller rennen können? Kauf dir einfach bessere Beine. Mehr Ausdauer gefällig? Hier, wir haben ein Paar Superlungen im Angebot. Cyberpunk 2077 interpretiert die Zukunft der Menschheit auf gewagte, innovative Weise. Ein absolutes Novum.

Willkommen in Night City.

Das Spiel sollte obendrauf all das richtig machen, was andere Videospiele in den Jahren zuvor meist nur partiell gut konnten: Open World, aber mit Inhalt. Grafik, aber wegweisend. Story, aber erinnerungswürdig. Ein perfektes Videospiel eben. Und nichts weniger.

Cyberpunk 2077 erschien am 10. Dezember 2020 auf der PlayStation, auf der Xbox, auf PC. Elf Tage später wurde es aus dem PlayStation Store entfernt. Im Microsoft Store wurde das Spiel mit einer Kaufwarnung versehen. Auf Wikipedia wurde es auf die Liste der Videospiele mit dem negativsten Feedback aller Zeiten gesetzt. Die Aktie des Entwicklers CD Projekt RED brach um fast die Hälfte ein.

Was zum Teufel ist hier passiert?

So nah, so fern

Um zu verstehen, wie es zu alldem kommen konnte, muss man ganz von vorne beginnen. Das Licht der Welt erblickt hat Cyberpunk 2077 im Mai 2012, als es erstmals angekündigt wurde. Der erste Trailer folgte im Januar 2013:

Das Video ist ein gutes Beispiel dafür, was in der Videospielbranche so falsch läuft. Es gilt als klassischer Cinematic Trailer, also eine kinoreife, eigens für die künstliche Aufhübschung animierte Szene, die in ihrer Reinform in Cyberpunk 2077 selbst nicht auftaucht. Dadurch ist es für Entwickler ein Leichtes, optisch ansprechendes Material in die Öffentlichkeit zu schmeißen, das letztendlich gar nicht von einer Konsole in Echtzeit gerendert werden muss – die eigentliche Königsdisziplin.

Die Erwartungen der Community wurden durch diese Art der Vermarktung so groß, dass lange vor Release schon der Titel des Game of The Year 2020 prognostiziert wurde. Und das, obwohl die Konkurrenz keineswegs auf der faulen Haut lag: Mit The Last of Us: Part II und Ghost of Tsushima erschienen im Jahr 2020 absolute Blockbuster, die von Kritikern in himmelhohen Tönen gelobt wurden. Cyberpunk 2077 sollte sich nicht nur dazugesellen, nein, es sollte noch besser sein: die Perfektion eines Mediums.

Daher ist es auch doppelt und dreifach bitter, was mit Cyberpunk 2077 geschehen ist. So viel Potenzial, ruiniert durch zahlreiche Fehlentscheidungen des Managements bei CD Projekt RED. Die Leidtragenden: das Entwicklungsteam, die Community, die Reputation.

Perfekt auf dem Papier

Dreimal wurde das Veröffentlichungsdatum von Cyberpunk 2077 korrigiert. Mal sollte es im April 2020 erscheinen, mal im November, mal im Dezember. Solche Delays sind meist ein zweischneidiges Schwert – sie besagen entweder, dass sich der Entwickler extra viel Mühe gibt, oder dass er Dreck am Stecken hat. Bei CD Projekt RED war es eine Mischung aus beidem: das Team strebte nach Perfektion, das Management nach Profit.

Wenige Monate vor Release ging die Produktion von Cyberpunk 2077 dann in den Crunch. Übersetzt heißt das: Überstunden über Überstunden. Wohlgemerkt nach einer Entwicklungszeit von fast einem Jahrzehnt.

Wegweisende Grafik? Na, guten Appetit.

Das entpuppte sich als der entscheidende Fehler. Noch ein Jahr obendrauf, und das Spiel wäre vollendet gewesen. Wäre es nach all der Zeit denn wirklich auf weitere 365 Tage des Wartens angekommen? Definitiv nein. Trotzdem gaben die Verantwortlichen dem Druck der überhypten Community nach. Ein Hype, den sie selbst durch überzogenes Marketing geschaffen hatten, und der ihnen am Ende das Genick brach. Selbstmord mit Ansage.

Am 10. Dezember 2020 kam schlussendlich ein Konstrukt auf den Markt, das, wenn überhaupt, maximal auf dem PC lief. Alle anderen Plattformen – PlayStation 4 und 5, Xbox One und Xbox Series X – bekamen etwas, das in Extremfällen nicht mal in seinen Grundzügen spielbar war. Ladies and Gentlemen: das prognostizierte Game of The Year 2020. Selbst Sonic Boom konnte man seinerzeit zumindest spielen. Und das darf man wohl von jedem Game erwarten.

Es ist heutzutage keine Kunst mehr, einen Shooter auf den Markt zu bringen. Es ist auch keine Kunst mehr, Open World auf den Markt zu bringen. Es ist aber eine Kunst, Avantgarde zu wagen.

Nachdem ich selbst 50 Stunden Spielzeit auf einer PlayStation 4 Pro hinter mich gebracht habe, kann ich sagen: Cyberpunk 2077 hat etwas, das ich so noch nicht kannte. Und ich will, dass es das in voller Blüte zeigt. Aber das kann es nicht. Es verkümmert in einem Gerüst, das nicht zu Ende gebaut wurde. Ein Gerüst, das regelmäßig zusammenbricht, sich wieder sporadisch aufbaut, nur um dann erneut zusammenzubrechen. Unaufhaltsam, die ganze Zeit. Es schmerzt.

Da ist diese unfassbare Stadt, Night City, die das Genre Open World kräftig durchrüttelt, ganz entfernt auch neu definiert. Jede Ecke fühlt sich einzigartig an. Viel zu tun gibt es auch: Auftragsmorde, Diebstähle, Hackerangriffe. Die meisten davon sind abwechslungsreich und individuell. Selten habe ich mich dabei erwischt, von einer Mission gelangweilt zu sein. Night City macht süchtig. Wären da nicht die ganzen Bugs und Glitches und Crashs, die einem die Lust auf Cyberpunk 2077 vollständig rauben.

No Man’s Sky 2.0

Denn nach etwa 25 Stunden Spielzeit war mein Game sage und schreibe 26 Mal abgestürzt. Sechsundzwanzig. Würde ich alle Crashs zusammenzählen, die mir in allen anderen Videospielen begegnet sind, die ich bis heute gezockt habe, käme ich vermutlich nicht einmal auf zehn. Und dann kommt Cyberpunk 2077 daher, wohlgemerkt ehemals heißester Anwärter auf das Game of The Year 2020. Eine Zumutung, eine Frechheit.

On top gibt es übrigens auch noch zahllose Ruckler, zahllose Grafikfehler. Mal fehlt meiner Protagonistin die Kleidung, mal fährt sie neben ihrem Motorrad. Mal steht ein Gegner selbst beim dritten Kopfschuss noch vor mir. Das alles ist nicht nur echt witzig, es ist auch echt traurig.

Äh… Sicher, dass das so richtig ist?

Dabei will ich unbedingt, dass Cyberpunk 2077 sein eigentliches Potenzial entfaltet. Ich liebe diese Story, ich liebe die Charaktere, ich liebe das Konzept. Es ist die willkommene Abwechslung im Sumpf unzähliger Videospiele, die sich zu einem großen Teil tief im Inneren ähneln.

Es ist heutzutage keine Kunst mehr, einen Shooter auf den Markt zu bringen. Es ist auch keine Kunst mehr, Open World auf den Markt zu bringen. Es ist aber eine Kunst, Avantgarde zu wagen. Und hätte das Management von CD Projekt RED einen längeren Geduldsfaden gehabt, hätte es noch ein Jahr Entwicklung zugelassen, dann wäre Cyberpunk 2077 genau das geworden, was es von Anfang an hätte sein sollen: Progression, Passion, Perfektion.

Stattdessen entschuldigte sich jemand Wichtiges von CD Projekt RED am 13. Januar 2021 in einem Video für alles, was geschehen ist, so als ob höhere Mächte verhindert hätten, dass das Spiel pünktlich fertig wird. Der eigentliche Knaller ist aber die Roadmap, nach der Cyberpunk 2077 jetzt verbessert werden soll. Denn im Endeffekt ist es nur das offizielle Eingeständnis des Managements, dass man hier ordentlich ’nen Bock geschossen hat:

Den Verantwortlichen geht der Arsch seit Release auf Grundeis. Die Roadmap stützt meine Vermutung erheblich: Cyberpunk 2077 hätte allerfrühestens Ende 2021 erscheinen dürfen. Bezeichnend ist auch, dass kostenlose DLCs und ein kostenloses Next-Gen Console Update angekündigt werden. Übersetzt heißt das: Inhalte, die schlussendlich so oder so in Cyberpunk 2077 gewesen wären, werden jetzt als Bonbon verpackt. Wahnsinn.

Überhaupt wird auch kein Wort darüber verloren, auf was man sich als Spieler einstellen kann. Ab welchem Zeitpunkt ist das Spiel flüssig spielbar? Kommt ein Multiplayer noch dieses Jahr, kommt er überhaupt? Kommen mehr Sidequests für Night City? Kommt mehr Story? Wird die künstliche Intelligenz verbessert? Kommen mehr Fahrzeuge? Kann man die endlich modifizieren?

Würde man das restlos gestresste Entwicklerteam befragen, bekäme man wohl auf jede Unklarheit dieselbe Antwort: Wir haben keine Ahnung, weil wir tausend Dinge gleichzeitig beheben müssen.

Mensch oder Maschine?

Und so wird es wohl langsam aber sicher still um ein Videospiel, das so viel mehr hätte sein können. Es ist das erste Spiel dieser Reichweite, das selbstbewusst auf Geschlechterrollen scheißt. Es setzt sich tiefgründig mit Existenzfragen auseinander: Wann ist man als Mensch noch Mensch, wann eine Maschine, wann unsterblich? Und vor allem aber nimmt es sich als Unterhaltungsmedium mehr ernst, als es müsste. Es versteht sich als Werk, das die Welt in ihrem Handeln aggressiv kritisiert und als unverbesserlich im Regen stehen lässt. Ein Augenöffner.

Mach’s gut, Cyberpunk

Stattdessen aber bleibt die angestrebte Perfektion eine Theorie auf dem Papier. Selbst wenn CD Projekt RED in einem Jahr ein Cyberpunk 2077 auf die Beine stellt, das man als fertig bezeichnen könnte, steht das Spiel auf ewig im Schatten seiner schrecklichen Anfangszeit.

Es geht hoffentlich als Negativbeispiel in die Geschichte ein, um andere Entwickler zu warnen – und hoffentlich auch, um ungeduldigen Spielern zu zeigen, dass dieser Weg nicht der richtige ist. Denn bei den vielen verschobenen Erscheinungsdaten gab es durchaus auch Morddrohungen an CD Projekt RED. Die Schande schlechthin.

Ich hoffe, Cyberpunk 2077 erfährt letztendlich dasselbe Schicksal wie No Man’s Sky. Anfänglich eine Katastrophe, zuletzt ein solides Spiel mit engagierten Entwicklern dahinter, die die Situation ernst genommen und das Beste daraus gemacht haben. Es wird kein Game of The Year mehr, es wird kein perfektes Spiel mehr, aber es kann noch die beste Version von sich selbst werden.

In dem Sinne: Mach’s gut, Cyberpunk 2077.

Vielleicht warst du ja doch zu schön, um wahr sein zu können.

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