Nur Socken gehören in Schubladen

Das Videospiel The Last of Us Part II glänzt mit Diversität – und erhält deswegen einen unvergleichlichen Shitstorm. Absolut unberechtigt, finde ich. Ein Kommentar.

Das Wort „Schubladendenken“ ist aus meiner Sicht einer der schönsten Euphemismen der deutschen Sprache. Es verdeckt nämlich sehr gut und sehr spielerisch die Engstirnigkeit derer, die ihre Mitmenschen kategorisch in vorgefertigte, imaginäre Ikea-Regale einordnen.

Du passt in keine Schublade? Sorry, dann kann ich dich nicht tolerieren und schon gar nicht akzeptieren.

Prinzipiell, und das muss im Vornherein auch ausdrücklich gesagt werden, können Schubladen Chancen ermöglichen. Manchen Menschen können Schubladen helfen, in ihrem Kopf ein bisschen aufzuräumen, um am Ende dann vielleicht ja doch zu dem Entschluss zu kommen, dass die Person, deren Lebensstil so gar nicht zu dem eigenen passt, auch nur ein Mensch ist.

Die Realität ist leider eine andere. Es gibt Schubladen für alles mögliche – für die Frau des Geschäftsführers, die ohne ihn gar kein eigenes Leben führen könnte und den Luxusschlitten nur von ihm gezahlt bekommen hat. Für den Germanistikstudenten, dessen Abitursnote für keinen besseren Studiengang gereicht hat. Für People of Color, die automatisch einen Migrationshintergrund haben und kein Deutsch können.

Come as you are?

Schubladen stehen uns leider öfter im Weg, als es uns lieb ist. Ein gutes und aktuelles Beispiel für diese Debatte ist das lang, sehr lang ersehnte Spiel The Last of Us Part II, das im Juni erschienen ist und von einer apokalyptischen Pandemie handelt. Es bricht in so mancher Hinsicht Normen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Branche dominiert haben und erträgt unter anderem deshalb seit Release einen beispiellosen Shitstorm auf Social Media.

Warum? Das ist schnell erklärt. Die einen ärgern sich über die Story, die zugegeben anders verlaufen ist, als sie es sich erhofft haben: Joel, allseits beliebter und geliebter Protagonist aus dem ersten Teil, findet sehr früh im Spiel ein, um es schonend auszudrücken, unsagbar hässliches Ende.

Manche Spieler gehen deswegen sogar so weit, den Machern des Spiels Morddrohungen zu schicken in der Hoffnung, dass diese das Spiel umschreiben. Eine sehr realistische Forderung wohlgemerkt.

Wenn es denn schon eine Frau sein muss, dann bitte wenigstens mit ordentlich Vorbau!

Eine ähnliche sinnfreie Diskussion lösen die Charaktere von The Last of Us Part II aus – denn diese sind so vielseitig und divers, wie es unsere Gesellschaft heutzutage eben ist. Vielen passt das aber offenbar nicht.

Ellie, eine der Hauptprotagonisten, ist lesbisch. Dina, Ellies soon-to-be Freundin, war davor mit einem Mann zusammen. Abby, eine weitere Protagonistin, hat stark definierte Arme und kleine Brüste. Lev, ehemals Lily, ist transgender.

Wen juckt das denn!

Es fühlt sich komisch an, das so ausformulieren zu müssen, weil mir das in meinem Playthrough von The Last of Us Part II herzlich egal war. Wobei egal das falsche Wort ist – ich habe es vielmehr begrüßt, diese Diversität in einem so populären Videospiel sehen zu dürfen. Denn es ist nicht viel mehr als das, was wir heute sind: divers, anders, individuell.

Einige männliche Durchschnittsspieler stören sich aber besonders an dem Fakt, dass die Frauen, die sie spielen müssen, keinen Schönheitsidealen entsprechen. Denn sie sind es gewohnt, dass sie sowieso einen muskulären und stattlichen Mann spielen. Wenn es denn schon eine Frau sein muss, dann bitte wenigstens mit ordentlich Vorbau!

Man erinnere sich hier an das Spiel Tomb Raider Ende des vergangenen Jahrtausends, in der die Grafik noch nicht die ausgereifteste war, die Entwickler aber dennoch einfach mal zwei ordentliche Kegel an die Brust der Protagonistin Lara Croft gepackt haben, damit ihre Weiblichkeit auch ja wahrnehmbar ist.

Lara Croft in unterschiedlichen Spielen – die Sexualisierung ist geblieben.

2005 haben die Entwickler von Tomb Raider dann eine Brustverkleinerung bei ihrer Protagonistin Lara vorgenommen – worauf ein Aufschrei einiger Spieler folgte. Wie konnte ihnen das nur weggenommen werden? Atombusen adé, fortan soll man sich mit einer C-Größe zufriedengeben? Ein wahrer Skandal.

In The Last of Us Part II steuert der Spieler hin und wieder Abby. Abby ist das krasse Gegenteil einer Lara Croft – keine Sanduhrfigur, kein 90-60-90, sondern ordentlich Bizeps, kaum Oberweite und stattliches Kreuz. Unter einem Video auf YouTube schreiben Spieler über sie: „This chick looks like a whole ass dude.“ Und das nur, weil Abby trainierter ist als die Durchschnittsfrau und kein Doppel-D vorzuweisen hat.

Aber Moment. Naughty Dog, Entwickler des Spiels, zwingt uns eine weibliche Hauptfigur auf, die nicht einmal sexy ist?

Ja. Und das ist gut so.

Abby polarisiert.

Denn Abby, Ellie, Dina und Lev sind keine Ideale. Das müssen sie nicht sein, das sollen sie nicht sein. Ihre Existenz, oder eher, die Reaktion der Spieler auf ihre Existenz spiegeln gut das wider, was innerhalb unserer Gesellschaft falsch läuft: Passt du in keine konservativ-normative Schublade, hast du erst einmal keinen Platz unter uns. Frauen sollen möglichst weiblich sein, möglichst hetero (was ja sowieso am liebsten jeder sein sollte – mitsamt einer „natürlichen“ Geschlechtsidentität).

Kommen wir zu Dina. Dina hatte lange einen Freund, trennte sich von diesem und entwickelt Gefühle für Ellie. Ganz normal, ganz natürlich – sollte man meinen. Teile der Fangemeinde sehen das nämlich anders. Dina, wohl einst heterosexuell, küsst jetzt einfach so eine Frau? Obwohl sie doch mal mit einem Mann zusammen war? Skandal, die Zweite! Für viele, viele Spieler war hier Endstation. Ich soll eine lesbische Hauptfigur steuern, deren soon-to-be Freundin einfach so zur Homosexualität konvertiert ist? Adieu.

Dina und Ellie in The Last of Us Part II.

Ich höre oft, dass die LGBTQI-Szene im Jahr 2020 in der Gesellschaft angekommen sei. Innerlich verkümmere ich bei solchen Kommentaren immer ein kleines bisschen. Es hat sich vieles getan, das kann ich nicht leugnen, aber vom Angekommensein könnte LGBTQI nicht weiter entfernt sein – The Last of Us Part II ist ein gutes Beispiel dafür.

Da gehören auch Serien auf Netflix dazu. Immer mehr davon erhalten LGBTQI-Charaktere – ob in der Nebenrolle oder in der Hauptrolle. Der Community passt das zum Teil aber überhaupt gar nicht. Sie ist der Meinung, man missbrauche die Szene für den Profit. Das sehe ich grundlegend anders. Denn Repräsentation in solch großen medialen Produkten ist so, so wichtig für diejenigen, die sich hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung oder Identität verstecken.

Unsere gesellschaftlichen Schubladen hören da auf, wo die gesellschaftliche Vielfalt anfängt.

Man stelle sich vor, jemand Homosexuelles, der sich noch nicht geoutet hat (schlimm genug, dass es etwas wie ein Outing im Jahr 2020 noch geben muss), spielt The Last of Us Part II und sieht, dass Ellie, ein wesentlicher Hauptcharakter, lesbisch ist und als solches in ihrer Umgebung wahrgenommen und akzeptiert wird.

Wer würde sich hier nicht verstanden, geborgen, einfach wohl und selbstbewusst fühlen? Sicherlich gibt es auch Regisseure, die LGBTQI in dieser Hinsicht missbrauchen. Aber schwarze Schafe gibt es überall und aus meiner Sicht mindert das den Effekt der vielfältigen Repräsentation in solchen Medien keineswegs.

Vorurteile raus, Socken rein

Unsere gesellschaftlichen Schubladen hören eben da auf, wo die gesellschaftliche Vielfalt anfängt. Das beweist dieser Shitstorm um The Last of Us Part II eindrücklich. Das muss aber nicht sein. Schubladen können wie eingangs erwähnt sicherlich Chancen ermöglichen – sie sollten aber dringend mal ausgeräumt und ausgemistet werden.

Packt die Vorurteile, die vermeintlichen gesellschaftlichen Normen, die Erwartungen und Anforderungen raus und werft einfach mal Socken rein. Wohlgemerkt unsortiert. Denn Socken sind sicherlich ebenso vielfältig wie die Gesellschaft – kunterbunt, in allen Größen, Formen und Strukturen. Und wer nur weiße Sneakersocken hat, sollte vielleicht mal einiges in seinem Leben überdenken.

Comments (1):

  1. Jan

    Juli 25, 2020 at 11:46 am

    Okay an sich ja ein schöner Kommentar, allerdithabe ich keineswegs das Gefühl, dass dieses Spiel einen shit storm dafür bekommt, dass ellie eine lesbe unddie Frauen keine Schönheitsideale sind. Noch NIE habe ich eine Diskussion darüber gesehen. Zweifelsfrwi gibt es diese Diskussionen aber diese verdienen meiner Meinung nach nicht so einen langen und ausführlichen Kommentar. Vor allem da schon im 1. Teil bekannt war, dass sie eine Lesbe ist. So who cares? Leider zu viele aber nicht so viele, dass daraus ein shit storm wird.

    Dieser richtet sich meiner Ansicht nach an die Art, wie die Story ein soooo unvassbar großes Potenzial einfach hzum Fenster raus schmeißt.
    Abby tötet Joel, Joel war ein in der Tat sehr beliebter character, schließlich auch der Protagonist im ersten Teil. Der Fakt, DASS er stirbt ist nicht das Problem und eigentlich zu erwarten gewesen. Diesen Fakt begrüße ich persönlich auch, da das zeigt, dass eben nicht immer alles reibungslos läuft und dieser Welt und Joel nicht unsterblich ist, wie es sich im ersten Teil doch das ein oder andere Mal angefühlt hat.
    Nein, das eigentliche Problem liegt darin, dass man Abby deswegen verabscheut und gar nicht spielen möchte. Du sagst, Mann möchte sie nicht spielen, weil sie nicht dem ideal Typen „Frau“ entspricht. Was für ein Unsinn, niemand möchte sie spielen weil man eine sehr negative Erfahrung mit ihr erlebt hat, sie einem deshalb direkt unsympathisch ist. Das verhindert von vorne hinein, dass man sich in den Charakter hinein versetzt und damit auch, dass man in irgendeiner Weise Sympathie für sie empfinden könnte. Damit spielt sich die Hälfte des Spiels einfach nur mit einem trocken „Ja und wenn Abby jetzt stirbt ist mir das auch egal“ Gefühl. Man spielt das Spiel nur noch ohne Emotionen, einfach nur, um zu sehen wie die Story weiter geht. Trocken, ist dabei noch ein milder Begriff. Ungeduld und Frust sind dabei auch keine seltenen Gefühle.

    Und dabei hätte sich die gleiche Story soooo viel besser spielen Können! Warum spielt man Abby nicht, BEVOR sie Joel umgebracht hätte?
    Damit hätte man eine emotionale Bindung zu Abby aufgebaut, die gleiche wie zu ellie. Damit hätte man am Ende eine emotionale Krise erlebt, wenn Abby dann auf Joel trifft und man schließlich erfährt, dass Joel derjenige ist, den sie jagt. Doch eine emotionale Krise der guten Art. Man fühlt sich allen Charakteren zugewandt, man kann alle Seiten verstehen und nachvollziehen und der Spieler muss entscheiden, auf wessen Seite er letztlich ist.
    Doch diese Entscheidung wird dem Spieler leider gar nicht erst gegeben, Abby wird als grauenhafte Mörderin dargestellt, deren Beweggründe erst später klar werden, doch später ist hier das equivalent zu „Niemanden interessiert es mehr“.

    Das wirklich frustrierende daran ist also WIE diese Story von den Entwicklern aufgebaut ist und was für ein verschwindetes Potential dahinter steckt. Und darüber gehen, soweit ich mitbekommen habe auch die meisten Diskussionen und das wie ich finde zurecht!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.